Wenn Pferde im Stehen plötzlich zusammenbrechen, wird häufig von Narkolepsie gesprochen. Dabei handelt es sich jedoch nur selten um die echte Narkolepsie. Viel häufiger leidet das Pferd unter der Schlafstörung Pseudonarkolepsie, auch "Sleep deprivation" genannt.
Narkolepsie oder Pseudonarkolepsie?
Die echte Narkolepsie ist eine seltene neurologische Erkrankung, welche durch einen Enzymdefekt hervorgerufen wird, der auch bei Menschen und Hunden bekannt ist. Pseudonarkolepsie hingegen ist eine Schlafstörung und wird durch anhaltenden Schlafmangel verursacht.
Beim Pferd wird zwischen drei Intensitätsstufen des Ruhens unterschieden: Dösen im Stehen, Schlummern auf dem Bauch mit untergeschlagenen Beinen und seitliches Liegen mit ausgestreckten Beinen, das dem REM-Schlaf (Rapid Eye Movement sleep) dient. Pferde ruhen etwa 7 Stunden pro Tag, wobei sie nur etwa 0.5-2.5 Stunden im Liegen verbringen. Auch wenn Pferde die meiste Zeit im Stehen ruhen, sind sie auf Liegephasen angewiesen, damit sie zu REM-Schlaf kommen. Haben Pferde REM-Schlafmangel, dann kommt es zu den typischen Symptomen der Pseudonarkolepsie.
Symptome und Auswirkungen
Pferde mit Pseudonarkolepsie sind müde, haben wenig Energie und zeigen einen Leistungsabfall. Die Pferde schlafen regelmässig im Stehen ein, wodurch sie beim Dösen plötzlich mit den Vordergliedmassen einknicken oder ganz zusammenbrechen. Dadurch entstehen die typischen Verletzungen an den Karpal- und Fesselkopfgelenken. Nicht selten wird das Zusammenbrechen gar nie beobachtet und das Problem erst durch die Schürfungen entdeckt. Betroffene Pferde stellen sich gerne an eine Wand oder in eine Ecke und stützen ihren Kopf manchmal am Zaun oder an der Stalltüre ab. Die Pferde können zwar beim Wälzen beobachtet werden, legen sich hingegen nie oder nur selten hin.
Ursachen und Risikofaktoren
Für Fluchttiere ist das Liegen gefährlich, denn dabei sind sie am verwundbarsten. Pferde legen sich deshalb nur hin, wenn sie sich sicher fühlen und rasch wieder aufstehen können. Die Gründe, weshalb Pferde nicht liegen, sind verschieden. Dazu zählen Schwierigkeiten oder Schmerzen beim Abliegen und Aufstehen, bspw. aufgrund von Arthrose oder Verletzungen. Weiter kann der Liegeplatz aufgrund mangelnder Einstreu, zu wenig Platz oder ungeeignetem Untergrund ein Auslöser sein. In vielen Fällen liegt die Ursache beim sozialen Umfeld, welches sowohl in der Gruppenhaltung als auch in Einzelhaltung zu Stress führen kann. Gerade rangtiefe Pferde können Mühe haben, sich in einer Gruppe oder neben einem Boxennachbarn zu entspannen. Daneben können aber auch ranghohe Pferde mit einem übermässigen Kontrolltrieb betroffen sein.
Prävention und Behandlung
Damit die Symptome verschwinden, müssen die Ursachen für den anhaltenden Schlafmangel gefunden und behoben werden. Je nach Pferd kann dies viel Zeit und Geduld in Anspruch nehmen. Zur Kontrolle, ob sich alle Pferde zum Schlafen hinlegen, bewähren sich Kameras im Ruhebereich. Um das Entzündungsrisiko der Schürfwunden zu minimieren und weiteren Verletzungen vorzubeugen, können die Karpal- und Fesselkopfgelenke vorübergehend mit Bandagen oder Schonern geschützt werden.
Als wichtigste Prävention der Pseudonarkolepsie gilt es sicherzustellen, dass Pferde genügend Schlaf bekommen. Dazu gehört ein sicheres und ruhiges Umfeld, in dem sich jedes Pferd entspannen und hinlegen kann. Zudem ist es wichtig, dass Pferdehalter/innen ihre Pferde beobachten und auf Anzeichen von Schlafmangel achten.
Autorin: Luisa Achermann, luisa.achermann@ag.ch, 062 855 86 09