Mit den wärmeren Temperaturen steigt das Futterangebot auf den Weideflächen mit jedem Tag. Auf vielen Betrieben wurde bereits mit Anweiden gestartet. Höchste Zeit also, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Was bedeutet die Umstellung von Heu auf Gras?
Die Umstellung von konserviertem auf frisches Futter ist fürs Pferd eine Herausforderung. Der gesamte Verdauungsapparat muss sich vom Heu aufs Gras umstellen. Gras wird deutlich schneller gefressen als Heu und ist aufgrund der schnell verfügbaren Zucker und Proteinen schneller verdaulich. Daran müssen sich sowohl die Verdauungsenzyme im Magen und Dünndarm als auch die Mikroben im Dick- und Blinddarm zuerst gewöhnen. Auch der Flüssigkeitshaushalt verändert sich aufgrund des hohen Wassergehalts im Gras, wodurch die Nieren deutlich grössere Flüssigkeitsmengen verarbeiten müssen. Die hohen Zucker- und Proteingehalte im Gras fordern die Leber und ihre Entgiftungskapazität. Für diese Veränderungen brauchen Organe, Enzyme und Mikroben rund sechs Wochen Zeit zur Anpassung.
Was kann schiefgehen?
Pferde haben nach langer Weidepause im Frühling einen grossen Appetit und schlingen in kurzer Zeit grosse Mengen Gras hinunter. Das birgt ein grosses Risiko für Koliken. Grosse Futtermengen können den Magen überdehnen und den Verdauungstrakt verstopfen. Werden die Verdauungsorgane überfordert, dann kann es zu massiver Gasbildung im Dickdarm kommen. Diese Blähungen erschweren die Atmung und können bis zum Kreislaufkollaps führen. Der schnelle Futterwechsel bringt die Darmflora aus dem Gleichgewicht, was zu Krampfkoliken, Kotwasser oder Durchfall führen kann und das Immunsystem schwächt. Die übermässige Zuckeraufnahme führt schnell zur Entgleisung des Stoffwechsels, die in einer Hufrehe enden kann.
Wie gelingt die Umstellung sorgenfrei?
Damit die Umstellung auf Gras reibungslos gelingt, sollte schonend angeweidet werden. Vor dem Weidegang sollte den Pferden stets Heu gefüttert werden. Damit kann die Strukturversorgung optimiert werden und die Tiere gehen nicht hungrig auf die Weide.
Bei gesunden Pferden kann mit 15 Minuten pro Tag gestartet werden. Die Weidezeit kann dann schrittweise gesteigert werden. Als Faustregel dient eine Woche schrittweises Steigern pro Stunde Weidezeit. Bei stoffwechselempfindlichen Pferden muss sorgfältiger vorgegangen werden. Hier empfiehlt sich der Start mit 5-10 Minuten und eine langsame Steigerung über zwei bis drei Wochen pro Stunde Weidezeit. Sind so kurze Weidezeiten nicht möglich, kann mit Portionenweiden die tägliche Futtermenge auf der Weide begrenzt werden. Eine weitere Möglichkeit ist es, dem Pensionsnehmer das Anweiden bis auf eine gewisse Weidezeit zu überlassen. So kann der Aufwand minimiert und das Risiko durch den Pferdebesitzer getragen werden.
Nebst dem vorsichtigen Anweiden spielt auch der Zeitpunkt eine wichtige Rolle. Dieser ist nicht an ein festes Datum geknüpft. Viel eher richtet er sich nach dem Pflanzenstadium und dem Pferd. Je früher im Pflanzenstadium geweidet wird, desto tiefer ist der Rohfasergehalt und je höher der Zuckergehalt. Aus diesem Grund lohnt es sich, mit dem Weidestart bis zum Beginn der Gräserblüte (bspw. Knaulgras) zu warten. Dies ist insbesondere bei übergewichtigen sowie ehemaligen Hufrehe Patienten wichtig.
Der späte Weideauftrieb steht im Widerspruch zu den futterbaulichen Vorteilen von frühem Beweiden. Frühes Weiden regt die Bestockung von hochwertigen Horstgräsern an und steigert bei rasenbildenden Gräsern die Bildung von unterirdischen Ausläufern. Beides trägt zu einem dichten und trittfesten Weidebestand bei. Um diese Vorteile trotzdem nutzen zu können, empfiehlt sich das zeitnahe Weiden im ersten Aufwuchs mit bspw. Rindvieh. Alternativ kann der erste Schnitt auch siliert werden. Schlussendlich liefert eine dichte Grasnarbe ertragreiche und trittfeste Bestände. Das wiederum ermöglicht möglichst viele Weidetage und sorgt damit für zufriedene Pferde mit glücklichen Besitzern.